Bericht zur Malreise Worpswede, Melanie Lubbos
Malerische Erkundungen auf den Spuren der Worpsweder Künstlerkolonie
Als unsere zehnköpfige Malgruppe Donnerstag mittags nach und nach in Worpswede eintrudelt, scheint sich die Sonne entschlossen zu haben, ihr Bestes zu geben, um uns zu ermöglichen das Malen von Schlagschatten zu üben. Wir beziehen unsere Zimmer im Diedrichshof, dem ehemaligen Wohnsitz des Bildhauers Bernhard Hoetger (1874-1949), der mitsamt seinem weitläufigen Park, den auch einige seiner Skulpturen zieren, heute als Tagungsstätte fungiert. Bei einer ersten Besprechung auf der Terrasse hat Marie-Hélène schon bald alle Teilnehmer in ihren Bann geschlagen und die Malbegeisterung, die in uns allen schlummert, richtig entfacht. So ziehen wir also los, um auf den Spuren der Maler der Worpsweder Künstlerkolonie Pinsel und Woodies zu schwingen.
Den Auftakt des ersten Malnachmittags bildet ein kurzer Besuch in Paula Modersohn-Beckers ehemaligem Wohnhaus, das heute eine ständige Ausstellung mit Bildern ihrer selbst und anderer Mitglieder der Künstlerkolonie, wie Paul Modersohn, Fritz Mackensen und Heinrich Vogeler, beherbergt. Mit diesen Arbeiten vor dem inneren Auge – ihrem speziellen Umgang mit der herben Schönheit der Moorlandschaft und ihres besonderen Lichtes – wollen wir nun selbst aktiv werden. Eine erste Sitzung ist dem Trainieren von Licht und Schatten in Schwarzweiß (Woodie) gewidmet. Motive hierzu liefert uns die Markusheide, eine Art Waldlichtung, die kurioserweise mitten im Ort Worpswede liegt.
Der nächste Morgen bringt den programmreichsten Tag der Malreise: Noch im Morgenlicht brechen wir auf zu Motiven in der Nachbarschaft des Diedrichshofs. Eine erste Birkenallee, die so typisch ist für die Gegend, wird ins Visier genommen. Nach dem Mittagessen erwartet uns schon das Pferdegespann mitsamt urigem, geschichtenerzählendem Kutscher, um uns nach Neu-Helgoland an den Rand des Moores zu bringen. Dort, an der Torfkahnanlegestelle der Hamme, des kleinen Flusses, der über viele Seitenkanäle das Teufelsmoor entwässert, packen wir wieder unser Malmaterial aus. Die besondere Herausforderung sind dieses Mal die Spiegelungen der Weiden und ruhenden Torfkähne im rotbraunen Wasser des Moorflusses. Nachdem wir unsere Pflicht und Schuldigkeit in Sachen Malerei getan haben, wagen wir uns noch weiter ins Moor: Wir fahren mit dem Torfkahn die Hamme aufwärts in das spätnachmittägliche Licht hinein. Rechter Hand liegt das Naturschutzgebiet Teufelsmoor und in größeren Abständen hie und da ein idyllisches Reetgedecktes Häuschen unter Bäumen, direkt am Ufer. Wer besonders hartgesotten ist, packt auch hier die Ölkreiden oder anderes Material aus, um von der uns im Schritttempo entgegenkommenden Moor- und Flußlanschaft schnell ein paar Eindrücke festzuhalten. Wem der von der Kahnkapitänin zur Begrüßung gereichte Schnaps ein wenig zu Kopf gestiegen ist, gebraucht seine Hände allerdings besser dazu, sich am Kahn festzukrallen, damit er oder sie nicht über Bord geht…
Auf dem Rückweg zum Diedrichshof verirrt sich unser Kutscher ein wenig, was bei den besonders hungrigen unter uns Stress auslöst – denn das Abendessen wartet ja – aber wenn man es mit Humor nimmt, dann hat auch dieses Abenteuer uns noch ein paar neue Ansichten von Worpswede ermöglicht.
Nach dem Abendessen geht es zum in nächster Nähe gelegenen Barkenhoff, dem ehemaligen Wohnhaus einer der schillerndsten Figuren der frühen Künstlerkolonie: Hier lebte Heinrich Vogeler in einer luxuriösen Märchenwelt, bis er, durch die Erfahrungen des Ersten Weltkriegs aufgerüttelt, zum Kommunismus und Pazifismus „übertrat“, den Barkenhoff an die Rote Hilfe verkaufte und nach Russland auswanderte.
Hier im Barkenhoff findet heute Abend eine Freilicht-Theatervostellung statt. Auf dem Programm steht „Paula und Frida“, ein Stück über eine fiktive Begegnung zwischen Paula Modersohn-Becker und Frida Kahlo, basierend auf einer Fülle von Originalzitaten und biographischen Details zu den beiden Künstlerinnen. Einige Kursteilnehmer skizzieren auch hier, bis der Einbruch der Dunkelheit dies unmöglich macht.
Am Samstagvormittag malen wir auf dem Friedhof von Worpswede, in der Nähe von Paula-Modersohn-Beckers „Wunsch-Grab“, einer schlichten Gedenkstätte, die eher einem kleinen wildblumenbewachsenen Garten mit Bank als einem Grab ähnelt. Nach einem kleinen Mittagssnack wandern wir weiter zu einem Aussichtspunkt, an dem sich sehr gut das Erzeugen von Tiefe in Landschaftsbildern üben läßt. Von der Sonne ausgedörrt kehren wir in ein idyllisch unter Bäumen gelegenes Café ein, das wir unter landschaftlichen Gesichtspunkten schon viel früher hätten entdecken müssen. Gestört wird die Idylle allerdings ein wenig von der doch recht ruppigen Inhaberin.
Am Sonntag, dem Tag unserer Abreise, nehmen wir noch ein Mal den Barkenhoff bei Tag unter die Lupe: Hier wird im Park gemalt bis zur letzten Minute, um die Techniken und Wahrnehmungsstrategien, die während dieser Malreise neu gelernt wurden, zu verfestigen und sie in den Alltag mitzunehmen. Auf der Heimreise merke ich, wie ich die Landschaft betrachte, daß ich mich tatsächlich fühle, wie Paula Modersohn-Becker einmal gesagt hat: „Ich sehe mir jetzt alles ganz aufs Malerische an.“
M.L
Der Veranstaltungsort
Atelier H.-Desrue
Malen im Teufelsmoor vor den Motiven der Worpsweder Maler und auf den Spuren von Paula Modersohn-Becker
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